
In diesem Essay geht es um einen Ausweg aus heutigen Krisen. Einige<br/>der zentralen Konzepte unserer Zeit wie die von Freiheit, Ethik,<br/>Erkenntnis und Identität werden zunehmend missverstanden. Westlichen<br/>Menschen geht es heute vorwiegend um ihre individuelle<br/>Freiheit, sie beziehen sich auf die eigene Identität oder die eigenen<br/>Gefühle. Selbstbestimmung wird damit nicht als etwas Moralisches,<br/>sondern als rein individuelle Herausforderung verstanden, die in der<br/>Emanzipation von äußeren Zwängen besteht. Das Vertrackte an dieser<br/>Auffassung liegt darin, dass sie Moral durch Freiheit ersetzt. So wird<br/>aus Selbstbestimmung Selbstherrlichkeit. Gemeinwohl und Kooperationen<br/>sind erschwert, wenn es dem Individuum nur um sich selbst<br/>geht. Das führt dazu, dass es bei vielen Auseinandersetzungen nur um<br/>Macht geht. Dem Konstruktivismus heutiger Zeit erscheint alles, als<br/>wäre es vom Menschen modelliert. Wenn aber alles nur durch die Brille<br/>der eigenen Deutungen hindurch erscheint, schotten sich Menschen<br/>von der Fülle der Wirklichkeit ab. Verschwindet die Bedeutung von<br/>Wahrheit und einer um ihrer selbst zu respektierenden Welt, werden<br/>Verschwörungsmythen begünstigt, und Diktatoren können ihre Praktiken<br/>mit dem Hinweis auf ein ›postfaktisches‹ Zeitalter rechtfertigen.<br/>Menschen haben insgesamt vergessen, den Eigensinn der Wirklichkeit<br/>wahrzunehmen und zu respektieren. Sie müssen wieder lernen, sich<br/>von anderem ansprechen zu lassen.
Page Count:
262
Publication Date:
2025-09-02
ISBN-10:
3826094352
ISBN-13:
9783826094354
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